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Doatmund, hömma: Meista!

Schwejk, Dienstag, 17. Mai 2011, 18:02

Euphorie im Pott

Von Jens Witte, Dortmund

Hunderttausende feierten die Meisterschaft des BVB, der Titel hebt Laune und Selbstbewusstsein der Menschen in der Ruhrgebietsmetropole. Ein Rundreise durch die Fußballhauptstadt Dortmund - zu Fans des Clubs und ihren Jubelstätten.

In der Wiege des BVB riecht es nach Frittenfett. Auf dem Grill neben der Friteuse des "Pommes Rot-Weiss" brutzelt ein halbes Dutzend Bratwürste vor sich hin. Seit Dortmund den Titel geholt hat, sind es nicht länger irgendwelche Würste, sondern "Meister-Bratwürste aus Meisterhand". Man hat gemeinsam gewonnen.

Im Schaufenster sind zwei schwarz-gelbe BVB-Fahnen drapiert. Hinter der Theke steht Heidemarie Sas, 64, kurze, dunkelblond gefärbte Haare, rot-weißer Kittel. "Wir sind alle ganz aus dem Häuschen", sagt die Chefin und klingt westfälisch-spröde.

In dem Altbau an der Oesterholzstraße liegen die Wurzeln der Borussia. Am 19. Dezember 1909 gründeten 18 Männer hier, in einer Gaststätte namens "Wildschütz", den BVB. Der erste Sportplatz des Clubs lag in unmittelbarer Nähe, am Gelände der Hoesch-Werke.

"Wir sind alle am Borsigplatz geboren", heißt es in einer Fan-Hymne. Der Borsigplatz im Dortmunder Norden (sprich: Borsichplatz), liegt keine hundert Meter vom "Pommes Rot-Weiss" entfernt. Die Nordstadt galt lange Zeit als Schmuddelkind der Stadt: Drogen, Prostitution, Kriminalität, hoher Ausländeranteil. Inzwischen gibt es eine EU-Initiative für den Stadtteil. An den Fassaden der Altbauten bröckelt der Putz - aus ihren Fenstern wehen schwarz-gelbe Flaggen, Schals. In den Geschäften, von der Dönerbude bis zum türkischen Friseur, hängen große BVB-Poster.

Am Borsigplatz strömen immer dann Menschen zusammen, wenn der Verein etwas zu feiern hat - auch wenn die aktuelle Heimat des Vereins, das Stadion des BVB, gut fünf Kilometer weiter südlich liegt. So wie in der Nacht zum 1. Mai, als feststand, dass der Borussia der Titel nicht mehr zu nehmen ist. So wie am vergangenen Wochenende, als sich Hunderttausende zur offiziellen Meisterfeier auf den Straßen der Stadt trafen.

"Leuchte auf, mein Stern Borussia"

Mit dabei war auch Heidemarie Sas. Jetzt sitzt sie auf einem der einfachen Holzstühle in ihrer Imbissbude, die Ellenbogen auf die weiße Marmortischplatte gestützt. "Ich wusste zwar, dass das das Gründungshaus ist, als ich 2003 den Laden aufgemacht habe", sagt sie, "hab mir aber nix dabei gedacht."

Erst als ganze Busladungen von Fußball-Touristen kommen, um ihre Pommes an historischem Ort zu essen, wird Heidemarie Sas die Bedeutung bewusst - und sie selbst zum BVB-Fan. Es ist Teil ihres Jobs. Mittlerweile hängen historische Bilder zur Gründungsgeschichte der Borussia an den Wänden, und die Wirtin erzählt ihren Gästen, wie alles begann.

Was aber bedeutet den Dortmundern der Titel ihrer Borussia?

Eine Antwort gibt Nassreddin Bejaoui, 37. Er wurde in der Nordstadt geboren, hier lebt er noch heute. Die Meisterschaft, sagt er, sei wichtig für die Bewohner der Nordstadt, vor allem für ihr Selbstbewusstsein. "Endlich ist mal wieder was los. Die Leute kommen zusammen, Wildfremde unterhalten sich und haben ein Strahlen im Gesicht", sagt er und strahlt selbst.

Nassreddin Bejaoui steht vor dem Schaufenster der kleinen Bäckerei Grieger, gegenüber vom "Pommes Rot-Weiss". In der Auslage gibt es eine BVB-Fanecke, mit alten, zum Teil vergilbten Autogramm- und Eintrittskarten, Plüschbären in ausgeblichenen Borussia-Trikots und einen schwarz-gelb gepunkteten Fußball.

"Ne, ne, so geht das aber nicht, du kannst dich doch nicht ohne BVB-Schal fotografieren lassen. Hier, nimm den." Hanne Bürger stürmt aus der Backstube, Borussia-T-Shirt, Halskette mit BVB-Wappen, schwarz-gelb lackierte Fingernägel, Schal in der Hand. Die 64-Jährige hat das Schaufenster gestaltet, sie verkauft Brötchen - und im Moment besonders viele "Borussia-Sterne". Das Hefegebäck mit schwarz-gelbem Zuckerguss kostet einen Euro und wurde nach dem Fan-Lied "Leuchte auf, mein Stern Borussia" kreiert.

Um den Hals hat die Verkäuferin ein kariertes Tuch gebunden, mit einem Autogramm von Kult-Verteidiger Dede. Der Brasilianer verlässt Dortmund im Sommer nach 13 Jahren. "Das ist ein Typ, mein Liebling, der ist Borussia immer treu geblieben, hat keine Starallüren", sagt sie. "Ich finde ja Männer mit Glatze toll."

Windbeutel, Pott Kaffee, jeden zweiten Tag

Die wahren Fans des BVB finden sich nicht nur in der Nordstadt, sondern auch am Trainingsgelände des Clubs, gelegen im Gewerbegebiet, knapp fünf Kilometer weiter östlich, im Stadtteil Brackel (gesprochen: Braakel). Die einzige Gastronomie: das Café Grobe, ein unscheinbarer Neubau mit großer Außenterrasse, Durchschnittsarchitektur. Für Itze ist es der wichtigste Ort in seinem Leben.

Itze heißt eigentlich Hans-Jürgen Schweers, aber so nennt ihn niemand. Der 65-Jährige aus Schwerte sieht ein bisschen aus wie Fernsehkoch Horst Lichter: gezwirbelter Schnauzbart, kurz geschorenes Haupthaar und Nickelbrille mit kleinen Gläsern. Die Lokalpresse bezeichnet ihn als "Mega-Fan" - wegen seines 17 Jahre alten, mit jeder Menge Devotionalien vollgestopften BVB-Mobils. Auf der Motorhaube des schwarz-gelben Renault Twingos sind Autogramme aller Borussia-Spieler zu lesen, die Felgen ziert das BVB-Logo, am Rückspiegel baumelt ein kleines Porträtfoto von Ex-Dortmund-Stürmer Frank Mill - im Stil eines Heiligen-Bildchens. Mit dem Auto fährt Itze jeden zweiten Tag von Schwerte nach Brackel. Auch wenn die Fußballer gar nicht trainieren. Es geht um das Ambiente. So wie an diesem Tag.

Itze sitzt dann mit seiner Frau Brunhilde, 62, und Gleichgesinnten auf der Terrasse und plaudert mit ihnen über den BVB. "Rentner halt", sagt er. Es ist ein Ritual: Windbeutel, großer Pott Kaffee ohne Milch und Zucker, jeden zweiten Tag. "Die Spieler kommen alle hier vorbei. Und die kennen mich ja auch alle", sagt er. Sein silberfarbener, kreisrunder BVB-Ohrstecker mit Vereinsemblem glitzert in der Sonne.

Ein Schönwetter-Fan, ein Anhänger, der nur bei Erfolg zu seinem Club steht, ist Itze nicht. Sein erstes BVB-Spiel war ein Debakel. 1978 ging Dortmund 0:12 gegen Borussia Mönchengladbach unter, die höchste Niederlage, die je ein Verein in der Bundesliga kassiert hat. Itze war damals im Stadion - und geht bis heute hin. Er kaufte sich eine Dauerkarte, wurde Mitglied im Fanclub "Treue Borussen". Mittlerweile arbeitet er sogar für den BVB, als Ordner bei Heimspielen. Vom Geschehen auf dem Rasen sieht er bei den Spielen zwar kaum etwas, er sitzt mit dem Rücken zum Spielfeld vor der Tribüne. "Ich weiß trotzdem immer genau, wo der Ball ist, weil ich das Spiel in den Gesichtern der Leute lesen kann." Und was sah er in der abgelaufenen Saison? "Freude pur. Wie im Märchen. Da hat doch kein Mensch mit gerechnet. Platz fünf vielleicht - aber Meister? Ne."

Itzes Konterfei wird auf jede achte Eintrittskarte des BVB gedruckt. Man kennt ihn in der Fanszene. "Mein Mann lebt und stirbt für Borussia", sagt seine Frau. Sie findet das okay. Früher hat Itze in einer Gießerei gearbeitet. Er gehört zu dem Typ Malocher, der das Bild vom Ruhrgebiet noch heute prägt. Obwohl der Strukturwandel längst in vollem Gange ist.

Kohle, Stahl, Bier und BVB - das waren lange Zeit die Konstanten in Dortmund mit seinen knapp 600.000 Einwohnern. "Kohle, Stahl und Bier sind verschwunden, aber der BVB ist geblieben", soll Vereinspräsident Reinhard Rauball zur 100-Jahr-Feier gesagt haben. Die Wirtschaftsförderung der Stadt feiert den Club mittlerweile als den "Image-Treiber schlechthin". Man hat gemeinsam gewonnen.

Doch fast hätte Dortmund auch dieses Aushängeschild verloren. In der Saison 2004/05 bangte der Verein angesichts einer horrenden Schuldenlast um die Existenz. Die damalige Führung hatte den Club an den Rand des Ruins getrieben.

Szenenwechsel: Kreuzviertel, hohe Kneipendichte. Nur knapp einen Kilometer ist man hier vom Stadion entfernt, es ist die Heimat vieler Studenten und Akademiker.

Eine der beliebtesten Fankneipen ist das "Barrock". Davor steht ein rund vier Meter hoher Fahnenmast mit großer BVB-Flagge, im Eingangsbereich ist das Vereinswappen im Boden versenkt. Durch die Fenster fällt am Abend kaum noch Licht, die Einrichtung ist rustikal, vor dem Tresen stehen schwere Barhocker aus dunklem Holz, an den Wänden hängen mehrere Flachbildfernseher. Hier werden Spiele nicht nur geguckt, hier werden sie analysiert.

Mats Hecking, 25, randlose Brille, kurze dunkelblonde Haare, schwarzes Hemd, kellnert im "Barrock". Er hat die schweren Zeiten seines Clubs nicht vergessen und versucht, die Bedeutung der Meisterschaft einzuordnen. "Dieser Titel ist nicht erkauft, sondern erspielt."

Mats Hecking steht hinter dem Tresen - und gerät rasch ins Schwärmen, wenn er über den BVB spricht: attraktiver Fußball, viele junge Spieler, viele aus Dortmund oder der Umgebung. "Die Spieler haben eine ganz besondere Beziehung zur Stadt und den Fans. Das sind nicht bloß Angestellte", sagt er. Nachdem die Meisterschaft perfekt war, fuhr Verteidiger Neven Subotic mit seinem Privatwagen durchs Kreuzviertel, hielt auf der Kreuzung vor dem "Barrock", sprang auf den Wagen und rief den verdutzten Fans zu: "Wer ist Deutscher Meister?" Sie hatten gemeinsam gewonnen. (SPON)

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