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Marcel Reich-Ranicki ist tot

Herr Hrdlicka, Donnerstag, 26. September 2013, 20:51 @ Uwe at work

Ein Nachruf:

„Als ich gebeten wurde, bei der Trauerfeier von Marcel Reich-Ranicki das Wort zu ergreifen, habe ich zuerst abgewinkt. Unmöglich erschien es mir, auch nur annähernd die richtigen Worte zu finden, die den Ernst dieses Lebens und der Größe dieses Mannes gerecht werden. Hundertmal erschien mir Distanz zwischen seiner Gedankentiefe und der Oberflächlichkeit meines Lebens. Sein Sohn war es, der diese Zweifel zerstreut hat und mir geschrieben hat, 'ob es ihm gefiel oder nicht, und natürlich gefiel es ihm, war mein Vater auch ein Mann des Fernsehens'.

In der Tat wären wir uns nie begegnet, wenn Reich-Ranicki nicht bereit gewesen wäre, den Elfenbein-Turm des Feuilletons dann zu verlassen, wenn ihn der Ausflug neue Erkenntnisse zu versprechen schien und ihn nicht zu langweilen drohte. Umgekehrt begriff auch ich sofort, dass dieser Mann trotz des meist erhobenen Zeigefingers das Zeug zum Publikumsliebling hatte. Er war gerne zu Gast in meinen Sendungen, saß da manchmal und wirkte trotzdem nie fehl am Platz. Weil er von vornherein wusste, dass er bei mir niemanden treffen würde, mit dem er sich auf Augenhöhe über Literatur hätte streiten können, begab er sich ohne jede intellektuelle Arroganz, aber mit einer fast kindlichen Freude dem sinnlosen Treiben. Aber immer nutzte er seine Auftritte im Fernsehen, um dort Werbung für das Lesen zu machen.

Ich kannte Reich-Ranicki bereits ziemlich gut, als seine Biographie 'Mein Leben' erschien. Ich hatte mich gerade wie viele meiner Zeitgenossen längst still und leise von der dunklen Reise in die Geschichte meines Volkes davon gemacht, um in der Idylle zwischen Wirtschaftswunder und Love and Peace, in der ich aufgewachsen war, häuslich einzurichten.

Mit der Lektüre seines Buches haben mich diese Gedanken eingeholt und erst zu diesem späten Zeitpunkt, muss ich zu meiner Schande gestehen, habe ich mich wirklich geschämt.

Plötzlich ging es um das Schicksal einen Menschen, den ich kannte und verehrte. Dieser musische, belesene, zutiefst friedliche Jugendliche Marcel Reich-Ranicki war ein deutscher Gymnasiast, in dem ich meine eigenen Ideale wiederfinden konnte, wurde für mich zum Sinnbild des unschuldigen Opfers, zum Helden des Vergebens, aber Gott sei Dank nicht Vergessens.

Es ist zu seinem Tode viel Kluges über diesen außergewöhnlichen Menschen gesagt worden und ich gehöre nicht in die Reihe derer, die etwas hinzufügen können. Ich stehe hier sozusagen als Vertreter der geistigen Mittelschicht, der Mehrheit in diesem Lande.

Ich war gerührt von der Anteilnahme, die ich gerade auf meine Ebene gespürt habe nach seinem Tod. In vielen Online-Formen, auf denen sonst fast ausschließlich gelästert wurde, ging es plötzlich nachdenklich zu. In dieses streitlustige Medium zog kurzfristig Frieden ein. In den bunten TV-Klatsch-Magazinen sah man plötzlich bedrückende Schwarz-Weiß-Fotos des Warschauer Ghettos. Der sonst immer um Jugendlichkeit bemühte Boulevard verneigte sich vor dem Tod eines weisen alten Mannes.

Und so versuche ich es als Sprecher dieser Masse an dieser Stelle ein zweites Mal. Marcel, Du hättest 1000 Gründe gehabt, dieses Land, nachdem, was es dir angetan hat, zu hassen. Aber nichts hat Dir die Liebe zu seiner Musik und seiner Literatur nehmen können, nichts konnte Dich davon abhalten, uns, den Nachfahren Deiner Feinde, diese Liebe zu geben. Ich überreiche Dir dafür einen Lebenspreis und keiner bedauert es mehr als ich, dass Du diesen Preis nicht mehr ablehnen kannst.“

(Thomas Gottschalk)

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