BVB Fundament

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begleitend zur Videoanalyse ;)

Aurora., Montag, 03. März 2014, 06:26 @ Earl Chekov

Nürnberg mit guten Ansätzen, der BVB mit den richtigen Antworten – ein Spiel mit außergewöhnlichen taktischen Wechselwirkungen.

Das Duell zwischen dem 1. FC Nürnberg und Borussia Dortmund war auch ein Aufeinandertreffen der Ligaspitze – in taktischen Teilbereichen. Nürnbergs ungewöhnliche Mischung aus tiefer Ballzirkulation und klaren Schnellangriffen wurde von Dortmunds außergewöhnlich anpassungsfähigem Pressing auf die Probe gestellt.

Vor allem das Pressing innerhalb der gegnerischen Hälfte war dabei subtil aber effektiv auf den Gegner angepasst. Mkhitaryan rückte meist schon früh in die 4-4-2-Ordnung auf und startete mit Lewandowski wie gewohnt aus kompakter Grundhaltung. Der Übergang ins Pressing war dann etwas anders organisiert als üblich:
Anstatt asymmetrisch bestimmte Spieler abzusperren und dann über die Nutzung der Deckungsschatten aufzurücken, verhielten sich die beiden Pressingspitzen zunächst etwas raumtreuer. Nürnberg kam dadurch vorerst nicht ins defensive Mittelfeld und ließ den Ball zirkulieren, während Frantz und Feulner die gewohnten, weiträumigen Freilauf- und Abkippbewegungen zeigten. Bei strategisch anfälliger Positionierung im Sechserraum rückten Lewandowski und Mkhitaryan in die Aufbaukette auf und blockierten so die seitlichen Passwege, um das Vorwärtsspiel zu provozieren.

Die eröffnenden Pässe versuchte Dortmund dann dynamisch zu erobern, indem ein Sechser herausrückte und Großkreutz einschob. Letzteres wurde besonders durch Nürnbergs Aufbaustaffelung ermöglicht: Meist standen sie in einer Dreierkette mit Angha; nur Plattenhardt rückte in der ersten Aufbauphase auf. So provozierte Dortmund einige Nürnberg-untypische Ballverluste oder unkontrollierte lange Bälle. Durch die zurückbleibende Dreierkette und die zurückfallenden Mittelfeldspieler, hatte Nürnberg jedoch auch nach frühen Fehlpässen eine ordentliche Absicherung und konnte den BVB zumindest zu Halbchancen drängen.

Vereinzelt konnte Verbeeks Elf auch das Gefahrenpotential ihres guten Konzepts demonstrieren. Feulner und Kiyotake orientierten sich nach rechts/halbrechts, während auch Drmic dort beweglich agierte. Durch Anghas tiefe Positionierung hatten sie mehr Raum.

Wenn es ihnen gelang sich in diese Zone zu spielen, rückten sie sehr geschlossen und zielstrebig auf. Hlousek hielt die Breite für Verlagerungen, Drmic erzeugte Dynamik mit diagonalen Läufen und alle drei zentralen Mittelfeldspieler rückten kompakt raumsuchend hinterher. So hatte der BVB in der Endverteidigung große Probleme.

Allerdings zeigten sich diese Schwierigkeiten selten, da der Club in der Summe nicht oft genug ins letzte Drittel kam. Neben Dortmunds Pressing in den ersten beiden Linien war dafür auch Marcel Schmelzer ein Hauptgrund. Wegen Großkreutz’ etwas engerer Rolle hatte er viel Raum abzudecken und konnte einige Verlagerungen in diese Zone mit sehr starken Herausrückbewegungen abfangen.

Gegen den Ball setzte der Club auf die üblichen Mannorientierungen im 4-1-4-1. Kiyotake und Feulner stellten die Dortmunder Doppelsechs zu, während Sokratis und Hummels Überzahl gegen Pekhart hatten. Das kam dem BVB durchaus entgegen, da sie ihre Schwächen bei der Verbindung ins defensive Mittelfeld überspielen konnten.

Kehl und Sahin verhielten sich wenig präsent und schoben dadurch Passwege ins offensive Mittelfeld auf; gelegentlich sorgte auch Aubameyang für Zuordnungsprobleme per Zurückfallen in den defensiven Halbraum. Vorn agierte Mkhitaryan ausweichend und zog somit Frantz weg; schon gegen Hertha und im Pokalspiel gegen Saarbrücken konnte er seinen Wert gegen Manndeckungssysteme unter Beweis stellen.

Dadurch wurde Raum für Lewandowski geöffnet, der bei eigenem Ballbesitz zum Spielmacher avancierte. In der unkompakten Situation von Nürnbers mannorientierter Defensive konnte er seine Fähigkeiten in der Ballbehauptung und Ballverteilung optimal einbringen. Er fiel in die Lücken, behauptete sich gegen den verfolgenden Innenverteidiger – meist der körperlich unterlegene Pinola – und verteilte dann die Bälle in die Offensive.

Dort konnte dann Mkhitaryan aus ausgewichener Position dynamisch die Spitze besetzen. Auch Großkreutz und Aubameyang gingen in die Tiefe. Allerdings fiel es den Borussen schwer, wirklich sauber durchzubrechen, da Nürnberg durch die Mannorientierung und den absichernden Innenverteidiger stets Überzahl hatten; zumal sich Großkreutz und Aubameyang selten 1-gegen-1 durchsetzen.

Als freier Spieler konnte zuweilen Schmelzer nachstoßen, den Drmic nicht diszipliniert verfolgte. Das führte jedoch kaum zu echter Gefahr. Schmelzer zeigte erneut seine offensive Limitiertheit und fand die Schwachpunkte in der organisierten Nürnberger Defensive nicht. So kamen die Dortmunder zwar zu viel Offensivpräsenz und Strafraumszenen, hatten aber in der ersten Hälfte kaum hochwertige Abschlusssituationen. Die Masse der Halbchancen (15 Schussversuche bis dahin) brachte jedoch die Führung per Standardsituation in der 51. Minute.

In der zweiten Hälfte reagierte Verbeek durchaus geschickt auf die Aufbauprobleme seiner Mannschaft: Frantz bewegte sich weniger ballfordernd, sondern versuchte ausweichend Raum zu öffnen. Auch Feulner hielt sich konstanter an breite Positionen. Kiyotake zeigte dann sehr weite Rückfallbewegungen, um den Ball im verwaisten Sechserraum abzuholen. Die dadurch provozierten Herausrückbewegungen der Sechser konterte Frantz mit Vorstößen ins offensive Mittelfeld. Gewissermaßen versuchten Frantz und Kiyotake also das, was bei Mkhitaryan und Lewandowski so gut funktioniert hatte, eine Ebene tiefer.

Diese Bewegungen wurden durch die Einwechslung Campanas noch besser balanciert und fokussiert, da dieser für Feulner kam und Frantz somit eine Position vorschieben konnte. Der Spanier bewegte sich strategisch geschickt aus den Sechserräumen heraus und konnte vereinzelt Engen auflösen. Zudem kippte er oft auf rechts heraus, sodass Angha verstärkt vorschieben konnte, was noch mehr Raum im Zentrum öffnete.

Diese Maßnahmen griffen jedoch nur bedingt, da die Borussen passend reagierten. Sie gaben situativ den Zugriff im offensiven Mittelfeld auf und zogen sich kompakt in die eigene Hälfte zurück. So funktionierten Verbeeks Maßnahmen zwar insofern, als dass sie den Aufbau stärkten, allerdings fielen die zuvor gefährlichen Räume in der Offensive weg. Dortmund eroberte den Ball nun in tieferen Positionen, sodass sie mehr Raum und weniger Gegenspieler bei ihren Kontern hatten.

Zudem wurde der BVB sichtlich durch die veränderte Spielsituation unterstützt. Als Spiegelbild der Partie in Hamburg, wo sie in Rückstand sehr schwach agierten, konnten sie von der eigenen Führung sehr profitierten. Nürnberg ging mehr Risiko bei den eröffnenden Pässen und agierte unvorsichtiger im Aufrücken. So konnten sie sich auf ihre Kernkompetenzen im Defensiv- und Konterspiel konzentrieren und bauten den Vorsprung zu einem klaren Sieg aus.

Fazit

Der FCN hatte gute Ansätze und konnte im ersten Durchgang Gefahr andeuten. Quantitativ kam allerdings zu wenig, was man an kläglichen vier Schussversuchen gut ablesen kann. Die Borussen fanden stets gute Defensivkonzepte für die Spielsituation. Die Anzahl der Schüsse täuscht aber darüber hinweg, dass Nürnberg einige Angriffe hatte, bei denen sehr klare, hochgefährliche Durchbrüche möglich waren, wie bei Pekharts Pfostenschuss demonstriert.

Das Spiel untermauerte auch, dass der BVB momentan stark vom Spielverlauf abhängig ist. Es wirkte nicht unbedingt so, als ob die Dortmunder in der Lage gewesen, in der Endphase oder bei Rückstand noch ein Tor zu erzwingen. Durch die gute Grundstabilität und die konstante Offensivpräsenz fiel das eigene Tor jedoch vor dem gegnerischen – und dann war das Spiel quasi entschieden.

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