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Episode 6 Die Augen

Earl, Montag, 28. Oktober 2013, 01:02

Sie hat schöne Hände. Schlank, langgliedrig und von hervorstechenden Adern durchsetzt, die sonst Alte besitzen. Nur die Haut drumherum ist zart, jung und papiern schimmernd. Die Finger krümmen sich mal um den Arm, mal um das Weinglas. Diese Hand wird vielleicht mal ihre Nägel in deinen Rücken lustvoll pressen. Vielleicht wird sie aber auch deine Haare spitz streicheln, als wären sie Schimmeladern im Kühlschrank. Du ahnst noch nichts davon.
Sie ist zerbrechlich wie Frauen, die Klaus Mann in seinen Romanen beschreibt. Aber sie ist eine Frau. Du wirst es noch erfahren, wieviel Frau in ihr steckt. Du glaubst, sie zerbricht in jedem Augenblick in dem sie ihre Erinnerungen mit dir teilt. Erinnerungen, die schmerzen..

Ich sitze dir also gegenüber, endlich.. Ich habe mich so danach gesehnt dich zu sehen, deinen Atem zu spüren, in deine Augen zu sehen. Sie sind wie ein magischer See, in den ich springen möchte, der aber einen nicht mehr an die Oberfläche lässt. Ich ahne es. Deshalb wage ich es nicht in deine Augen zu schauen. Ich sehe weg. Sehe in das Bücherregal. Bevor ich in deinen Augen ersaufe, schaue ich auf Enzyklopädien, Romane aus der ZEIT-Reihe und selbst auf Hitlerbiographien. das Grauen ist jedoch unwiderstehlich. Ich muss wie ein kleines Kind immer wieder hinschauen und entsetzt das Bücherregal suchen. Es wird wohl der Tag kommen, an dem Hitler nicht weiterhelfen wird...

Der Besuch war längst überfällig, wie Obst im Spätsommer überreif. Ich habe mich auf sie gefreut, wie man sich auf eine Neueroberung freut. Vielleicht ein wenig unpersönlich aber aufrecht. Ich bin nun ein alter Sack, habe ein Desaster gegen Gladbach, eine Relegation gegen Fortuna Köln und ein Geophysik Studium hinter mich gebracht. Was also sollte mir noch passieren? In amourösen Dingen wähnte ich mich unangreifbar. Nach einer schmutzigen Scheidung gerüstet gegen Sympathie oder gar mehr. Vielleicht wäre Koitus drin gewesen. Ich habe mir sogar vorgenommen definitiv kein Arschloch zu sein.

Durch die Bulgaren hatte ich sogar die Ahnung, ich könnte Gefühle entwickeln. Aber ich musste vorsichtig sein. Sie war ja besonders. Besonders zerbrechlich. Das hat mich gereizt, natürlich - alles was für andere nicht erreichbar ist, reizt mich.

Da saßen wir nun vor dem Fingerfood. Und da ist mir aufgefallen, daß sie eine schöne Hand hat, wie Alte mit Adern durchsetzt aber mit zarter junger Haut, die papiern schimmert. Hände wie geboren um am Klavier Debussy zu geben.

Da saßen wir nun vor dem Fingerfood und sprachen über Kinder, die verloren sind, über Liebe, die tragisch und vergeblich aufgebracht wurde und über die Boshaftigkeit von Exfrauen. Und als ich in die Vollen greifen wollte, sah ich ihre Augen. Wie schottische Seen klar und tief. Sie riefen mich, wollten mich in sich einsaugen und verschlingen. Erst Hitler hat mich gerettet, der mich von dem Buchregal her angesprungen hat.

Das war der Abend an dem mich das Buchregal mehrfach gerettet hat. Ich bin irgendwann geflüchtet und wäre beinahe entkommen, wenn ich nichts die Blödheit besessen hätte, am nächsten Kreisverkehr anzuhalten und eine SMS zu schreiben, um das nächste Kapitel zu ermöglichen. . Dabei sagte sie, "Lauf, so weit du kannst".

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