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Episode 3 Augusthitze

earl, Dienstag, 29. Oktober 2013, 19:57 @ Earl

Es war der heißeste Tag des Jahres. Jede Bewegung in der Hitze kostete Überwindung und Kraft. Wir trafen uns im Kino. Es war nicht kühl, aber dunkel. Der perfekte Ort an diesem Tag, um ein Date zu inszenieren. Nach dem Abenteuer im Hafen bestand Aussicht auf körperliche Interaktion. Ich wollte nicht gestört werden, habe mein Handy stumm gestellt. Sie war gut gelaunt.

Ich lag halb in meinem Sitz, meine Hand nur Milimeter von ihren Schenkeln entfernt, die Hitze war deutlich an meinem Handrücken zu spüren. Aber etwas ließ meinen Arm verkrampfen.

Der Biergarten am Rhein war prall gefüllt, die Kellnerin schaffte es nicht mehr die Getränke rechtzeitig zu bringen. Meine Hand klammerte sich an eine Grapefruitschorle, die schwere Augusthitze machte mir zu schaffen. Ich schätzte ab, ob wir nun lang genug da saßen um gehen zu können. Ein Getränk noch, dann würde ich gehen, verärgert, daß ich diesen Tag so vergeudet habe. Nichts würde mir ihn jemals wiederbringen. Noch nicht einmal ein Blitz schlug ein. Der Ärger hörte nicht auf, bis ich zu Hause angekommen war.

Ein Blick auf das Handy hat alles geändert. Ein Anruf in Abwesenheit von K. Wir haben eine Weile nicht miteinander gesprochen. Wir haben uns gezofft. Nicht seriös, aber durchaus schmerzlich.
Der Anruf hat nun meine Laune deutlich gehoben, scheiß auf die blöden Frauengeschichten, scheiß auf den verschwendeten Tag. Ich sprach auf seine Mailbox, freudig erregt. Gab ihm Namen, die wir in Berlin ausgemacht haben und habe mich gefühlt, als ob der nächste Ausritt mit ihm ganz kurz bevorstehen würde.
Ich war wieder bereit meinen ganz normalen Alltag anzunehmen, also öffnete ich ein Bier, nahm einen Schluck und surfte das Fundament an. Die Nachricht stand schmucklos, informativ gehalten. Sie machte keinen Sinn. Ich verstand sie nicht.

Subjekt gefolgt von Prädikat. K. ist verstorben.

Für einen Augenblick dachte ich, das ginge doch nicht. Ich habe ihn doch gerade gesprochen, die alten Namen gegeben, die vertraut knappen Männerbotschaften ausgetauscht.
Die Augustschwüle machte meine Gedanken so langsam, wie meine Körperbewegungen über den Tag.
Du hast mit der Mailbox gesprochen, sagte ich mir. Du hast eine Maschine so vertraut angesprochen. Der Krampf hat die Kehle nun ganz gepackt und meine Brust gequetscht. Ich musste versuchen etwas zu lockern, um Sauerstoff in die Lungen zu bekommen.

Als ich im Kino saß, rang K. um sein Leben. Unser Streit würde sich nicht mehr auflösen lassen.

In Köln habe ich jahrelang in der Szene gearbeitet - den üblichen Kellnerjob mit anderen Musikern geteilt. Wir haben uns die Bühnen der Stadt geteilt, wir haben Poetry Slams in einem Boxring organisiert. In jeder Runde trat ein Dichter an, angekündigt von unserer Ringrichterin, die mit entblößtem Busen auch das Urteil verkündete.
Oder wir haben Parties mit DJs und Videoprojektionen organisiert an Orten, die Ruine hießen und zumindest Männern ein Pissrinne zur Erleichterung boten. Frauen mussten sich zu Dutzenden ein einziges Klo teilen. Die meisten von ihnen suchten irgendwo Alternativen.
Einmal sollen die Damen sich angeblich aus dem Fenster in den Hof erleichtert haben. Ich saß betrunken vor der Wohnungstür, als ein aufgebrachter Nachbar bewaffnet mit einer Pistole die Party stürmte.

Aber am liebsten legte ich Platten in einem komplett schwarz bemalten Laden, der mit Schwarzlicht ausgeleuchtet war, mit dem Namen L auf. Mein Freund Abel leitete ihn und gab mir neben Freigetränken auch eine kleine Gage. Die aufregendsten Frauen Kölns waren dort und machten mich jeden Freitag zum König der Nacht.

Abel verstarb innerhalb von wenigen Monaten. Auf der Beerdigung war ganz Köln auf den Beinen, alles, was etwas galt in der Kulturszene. Immerhin hat Abel seinen Sohn noch kurz lieben dürfen. Meinem Mitbewohner Peter war es nicht vergönnt. Der Krebs hat ihn so schnell verzehrt, daß er noch nicht einmal die Gelegenheit hatte sich zu verabschieden. Sein Sohn kam erst nach seinem Tod zur Welt. We can share the women, we can share the wine. Zwei Freunde innerhalb weniger Tage hat der Tod mir weggerissen.

Der Tod hat mich aus der Bahn katapultiert. Damals in Köln und später in Duisburg.

Ich bin ruhelos im Dreck von Duisburg herumgestreunt, bin zu den indischen Slums geflogen und in die verkoteten Straßen von Duisburg zurückgekehrt. Ich suchte nach Poetry Slams in Ruinen. Ich wollte mich nur noch betäuben.

Ich kann noch nicht einmal sagen, wo es war, aber auf einem dieser Streifzüge traf ich sie. Die Unterhaltung war entworfen, um als Oberflächlichkeit in den Reißwolf der Erinnerung zu gelangen. Ein oder zwei Sätze sind aber verunglückt und ich war seltsam berührt.

Die Einsamkeit der Duisburger Nacht wurde mir zum Vertrauten.

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