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Episode 2 Ein Versprechen

earl, Montag, 28. Oktober 2013, 16:53 @ Earl

Ich kann nicht viel über sie sagen. Ich erinnere mich immerhin an ihren Namen.

Der Italiener im Hafen ist semiedel. Manchmal reißt sie ein wenig heraus aus der Verkrampfung. Dann lockert sich mein Oberkörper auch ein wenig auf. Aber gut, daß das verpflichtende Essen irgendwann zu Ende ist.

Es ist der Abend eines Augusttages, der unter einer Hitzewaltze gelitten hat. Es kommt Wind auf, der aber nicht wirklich die Verkrampfung lösen kann. Wir gehen vorbei an den illuminierten Kunstwerkstätten, die Globalisierungsjunkies bedienen. Ein Kran und die Statue eines Werftarbeiters erfüllen die Erwartung an die malerische Szenerie. Die schrägen Gehry Bauten sind eine Sensation für die Augen, genau wie der Fernsehturm mit der futuristischen Uhr, die der zufällige Tourist sich erklären lassen muss.
Bis zur Altstadt schlendern wir nebeneinander und berühren uns nicht. Wir werden uns überhaupt nicht berühren - wir wissen es nur noch nicht so genau. Das tiefe Tuckern der Dieselmotoren der Rheinschiffe und die sich brechenden Lichter der futuristischen Uhr auf der Wasseroberfläche, die Hitze der Nacht, die nun zunehmend vom Wind gemildert wird, könnte man erfolgreich auf Internetplattformen vermarkten, die einsame Menschen zusammenbringen. So könnten Kinder gezeugt werden, die im Wonnemonat Mai geboren würden. Ich glaube, alle Maikinder sind in Wahrheit Hitzekinder des August.

Wir berühren uns nicht, werden es nicht tun, aber wir hätten es tun können, als der große Regen kam. Innerhalb von Sekunden war alles ein Fliessen des Wassers an der Brust, an den Oberschenkeln. Die Schuhe waren gefüllt mit Wasser. Ihr Haar fiel in dicken Strähnen, die das Wasser gebildet hat. Ein Kuss und wir hätten uns auf dem Rücksitz des Autos lieben können.

Vielleicht war es der Tod, der anklopfte, der diese Erleichterung der Hitze verhindert hat. Er grinste nur wenige Meter entfernt. Er schlich sich unmittelbar vor dem Regen an. Ich kenne nur herannahende Gewitter, wo man am zeitlichen Abstand des Donners vom Blitz die räumliche Entfernung abschätzen kann. An der Statue des Werftarbeiters glaubte ich einen Strich der Peitsche neben meinem Ohr zu vernehmen und wie ein Silvesterknaller traf der Blitz eine freie Fläche zwei Meter von uns entfernt. Unlogisch, dachte ich noch. Der Blitz sucht sich doch in dem Fall normalerweise den Menschen. Wir waren so dicht beieinander, daß es zwischen uns geknistert hätte, so feucht wie wir waren. Ein perfektes Motiv für das Cover eines AC/DC Tribute Albums.

Der Tod hat sich aber nur angekündigt, kurz den Hut gehoben, sich verbeugt und versprach wiederzukommen.

Der Blitzeinschlag hat ihr Gesicht beleuchtet. Dann kam der große Regen und wir rannten die wenigen Meter, die wir noch zu gehen hatten. Dieser kurze Anblick, die Nässe am Körper, der schnelle Atem vom Rennen - von der Angst - es hätte sich entladen können auf dem Rücksitz meines Autos. Wir hätten uns noch einige Male treffen können und nach einer endlosen Reihe von Peinlichkeiten hätten wir uns verabschiedet für immer.

Der Tod hat sich aber angekündigt. Vielleicht ist deswegen die Hitze des Augusts in den Gliedern verblieben. Wir sehen uns wieder, haben wir uns versprochen. Ein Rendezvous mit dem Tod wird es werden.

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