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Episode 1 Der Zauberberg

earl, Mittwoch, 30. Oktober 2013, 09:41 @ Earl

Wir sind auf dem Weg nach Berlin. Die Fahrt wird lang, ein Sieg ist nicht zu erwarten, aber wir lachen Tränen.

"Kennst du die Bleistiftszene aussem Zauberberg?". "Aber, ja". Er dreht sich während der Fahrt nach hinten und kramt eine dicke CD-Box - das Zauberberg Hörbuch. "Geil!".
Er trägt das geschnürte Retrotrikot, ich mein goldenes Internationales. Wofür brauchst du internationale Trikots? Um sich an die guten Zeiten zu erinnern.

Wir lauschen dem Sprecher. Wir sind schon im Osten, die Strecke ist halbwegs frei. Im Westen staute es sich elendig - wie immer freitags. Wir sind kurz nach Köln schon runter von der Eins, aber das bergische Land ist auch nicht wirklich frei. Anfangs sind wir beide massiv genervt davon. Er nimmt in Wuppertal eine rote Ampel mit und wird geblitzt. Das wirkt komischerweise beruhigend.

K. hört Musik, die ich sonst eher nicht höre. Jazz, Funk, Soul.

Jay Bee.

Motown ist geil. Und der Godfather of Soul ein unmenschlicher Tänzer.

Jay Bee.

Hip Hop ist unser gemeinsamer Playground. I'll House You der Jungle Brothers ein kleiner Streitpunkt.

Jay Bee.

Dann gibt es noch eine Witzfigur, die wir zwischen Bielefeld und Hannover mit allem erdenklichen Spott bedenken. Der Mann ist in den Tagen überall präsent. Frauen, die wir sonst lieben, lieben Jay Bee - zumindest in unseren Erzählungen.
Wir spotten über Frauen, die wir lieben - er spottet zärtlich, ich hämisch.

Irgendwo bei Braunschweig stehen wir wieder. Wir schweigen. Wir werden heute Abend einen Grappa trinken. Als im Osten endlich die Bahn etwas freier ist, haben wir beide keine Lust mehr auf Musik. Gert Westphal hat einen wundervollen Flow.

"Gern", sagte er. "Du musst ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben." Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben musste, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse.

Wir brüllten vor Lachen. Gert Westphal sprach unverdrossen weiter als wir die obskursten Aspekte der Bleistiftleihe beleuchteten. Er sprach stoisch weiter, als Ruhe einkehrte. Als ich ganz allein für mich war, erreichte mich seine Stimme.

Allein dieser Sieg der Keuschheit sei nur ein Schein- und Pyrrhussieg, denn der Liebesbefehl lasse sich nicht knebeln, nicht vergewaltigen, die unterdrückte Liebe sei nicht tot, sie lebe, sie trachte im Dunkeln und Tiefgeheimen auch ferner sich zu erfüllen, sie durchbreche den Keuschheitsbann und erscheine wieder, wenn auch in verwandelter, unkenntlicher Gestalt.

Wir waren endlich in Berlin ganz kurz vor unserem Ziel. "Ich möchte heute Abend beim Grappa noch mit dir sprechen". Berlin wird K. festhalten und nie mehr loslassen.

Das sage ich Ihnen aber gleich: Ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen.

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