Episode 2 Ein Versprechen
Ich kann nicht viel über sie sagen. Ich erinnere mich immerhin an ihren Namen.
Der Italiener im Hafen ist semiedel. Manchmal reißt sie ein wenig heraus aus der Verkrampfung. Dann lockert sich mein Oberkörper auch ein wenig auf. Aber gut, daß das verpflichtende Essen irgendwann zu Ende ist.
Es ist der Abend eines Augusttages, der unter einer Hitzewaltze gelitten hat. Es kommt Wind auf, der aber nicht wirklich die Verkrampfung lösen kann. Wir gehen vorbei an den illuminierten Kunstwerkstätten, die Globalisierungsjunkies bedienen. Ein Kran und die Statue eines Werftarbeiters erfüllen die Erwartung an die malerische Szenerie. Die schrägen Gehry Bauten sind eine Sensation für die Augen, genau wie der Fernsehturm mit der futuristischen Uhr, die der zufällige Tourist sich erklären lassen muss.
Bis zur Altstadt schlendern wir nebeneinander und berühren uns nicht. Wir werden uns überhaupt nicht berühren - wir wissen es nur noch nicht so genau. Das tiefe Tuckern der Dieselmotoren der Rheinschiffe und die sich brechenden Lichter der futuristischen Uhr auf der Wasseroberfläche, die Hitze der Nacht, die nun zunehmend vom Wind gemildert wird, könnte man erfolgreich auf Internetplattformen vermarkten, die einsame Menschen zusammenbringen. So könnten Kinder gezeugt werden, die im Wonnemonat Mai geboren würden. Ich glaube, alle Maikinder sind in Wahrheit Hitzekinder des August.Wir berühren uns nicht, werden es nicht tun, aber wir hätten es tun können, als der große Regen kam. Innerhalb von Sekunden war alles ein Fliessen des Wassers an der Brust, an den Oberschenkeln. Die Schuhe waren gefüllt mit Wasser. Ihr Haar fiel in dicken Strähnen, die das Wasser gebildet hat. Ein Kuss und wir hätten uns auf dem Rücksitz des Autos lieben können.
Vielleicht war es der Tod, der anklopfte, der diese Erleichterung der Hitze verhindert hat. Er grinste nur wenige Meter entfernt. Er schlich sich unmittelbar vor dem Regen an. Ich kenne nur herannahende Gewitter, wo man am zeitlichen Abstand des Donners vom Blitz die räumliche Entfernung abschätzen kann. An der Statue des Werftarbeiters glaubte ich einen Strich der Peitsche neben meinem Ohr zu vernehmen und wie ein Silvesterknaller traf der Blitz eine freie Fläche zwei Meter von uns entfernt. Unlogisch, dachte ich noch. Der Blitz sucht sich doch in dem Fall normalerweise den Menschen. Wir waren so dicht beieinander, daß es zwischen uns geknistert hätte, so feucht wie wir waren. (...)
Vermutlich in der Nacht vom 2o. zum 21. November 1912:
“Es ist ja ein so schlimmes, schweres Leben, wie kann man auch einen Menschen mit bloßen geschriebenen Wor-
ten halten wollen, zum Halten sind die Hände da. Aber in dieser Hand habe ich die Deine, die ich zum Leben un-
bedingt nötig habe, nur drei Augenblicke lang halten dürfen, als ich ins Zimmer trat, als Du mir die Reise nach Palästina versprachst und als ich Narr Dich in den Aufzug steigen ließ. Darf ich Dich also küssen? Aber auf diesem kläglichen Papier? Ebensogut könnte ich das Fenster aufreißen und die Nachtluft küssen. Liebste, sei mir nicht böse! Ich verlange von Dir nichts anderes. Franz“
24. Dezember 1912:
“Schreien auf der Gasse und der Brücke, so ich eigentlich keinen Menschen sehe. Glockenläuten und Uhren-
schlagen), mich noch trostloser und vergrabener machten und die eigentliche Aufgabe meines Blickes das Herumwandern auf der Zimmerdecke schien, - dachte ich daran, wie froh ich sein muss, dass es das Unglück
will, dass ich nicht bei Dir bin. Ich müsste das Glück Deines Anblicks, das Glück des ersten Gespräches, das Glück, mein Gesicht in Deinem Schoß zu verstecken – ich müsste alles dies zu teuer bezahlen, ich müsste damit bezahlen, dass Du vor mir wegliefest, gewiss weinend wegliefest, denn Du bist die Güte, was aber würden mir die Tränen helfen. Und dürfte ich Dir nachlaufen? Dürfte gerade ich das tun, der Dir ergeben ich wie keiner? (…)
In Deinem letzten Brief steht ein Satz, Du schriebst ihn schon einmal, ich wohl auch: »Wir gehören unbedingt zusammen.« Das ist, Liebste, tausendfach wahr, ich hätte z.B. jetzt in den ersten Stunden des neuen Jahres keinen größern und keinen närrischeren Wunsch, als dass wir an den Handgelenken Deiner linken und meiner rechten Hand unlösbar zusammengebunden wären. Ich weiß nicht recht, warum mir das einfällt, vielleicht weil
vor mir ein Buch über die Französische Revolution mit Berichten von Zeitgenossen steht und weil es immerhin möglich ist - ohne dass ich es allerdings irgendwo gelesen oder gehört hätte -, dass einmal auf solche Weise zusammengebunden ein Paar zum Schafott geführt wurde. - Aber was läuft mir denn da alles durch den Kopf,
der übrigens heute gegen meinen armen Roman ganz und gar verschlossen war. Das macht die 13 in der neuen Jahreszahl. Aber die schönste 13 soll mich nicht hindern, Dich, meine Liebste, näher, näher, näher zu mir [zu] ziehn. Wo bist Du denn jetzt? Aus welcher Gesellschaft hebe ich Dich heraus? Franz
Vom 11. zum 12. II. 1913:
“(…) Kaum hast Du unsere Zusammenkunft in Berlin beschrieben, habe ich schon von ihr geträumt. Vielerlei, aber ich weiß kaum mehr etwas Deutliches darüber zu sagen, nur das allgemeine Gefühl, eine Mischung von Trauer und Glück habe ich noch von jenem Traum in mir. Wir gingen auch auf der Gasse spazieren; die Gegend ähnelte merk-
würdig dem Altstädter Ring in Prag, es war nach 6 Uhr abends (möglicherweise war dies die wirkliche Zeit des Traumes), wir gingen zwar nicht eingehängt, ab er wir waren einander noch näher, als wenn man eingehängt ist. Ach Gott, es ist schwer, auf dem Papier die Erfindung zu beschreiben, die ich gemacht hatte, um nicht einge-hängt, nicht auffällig und doch ganz nahe bei Dir zu sein, damals, als wir über den Graben gingen, hätte ich Dir zeigen können, nur dachten wir damals nicht daran. Du eiltest geradeaus ins Hotel, und ich stolperte zwei Schritte von Dir entfernt auf dem Trottoirrand vorwärts. Wie soll ich es also nur beschreiben, wie wir im Traum gegangen sind? Während beim bloßen Einhängen sich die Arme nur an zwei Stellen berühren und jeder einzelne seine Selbständigkeit behält, berühren sich unsere Schultern und die Arme liegen der ganzen Länge nach an-
einander (…) Franz“
Franz Kafka an Felice Bauer
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